Fechtstellung in Weiter bis Naher Mensur

Beim Fechten mit dem Langen Schwert gilt es, einen stabilen Stand einzunehmen, welcher den Fechter in der jeweils darauffolgenden, technikspezifischen Beinarbeit unterstützt. Das europäische Fechtsystem ist eine Distanz-Kampfkunst und wechselt zwischen linearer Bewegung und seitlichen Positionierungen. Die Fechtstellung ist linear; der Fokus liegt auf der Gefechtslinie: Jeder Fechter hat seine individuelle Gefechtslinie (Standlinie), welche die rechte und linke Ferse miteinander verbindet. Dieser Linie folgt er entweder oder verlässt sie seitwärts, je nachdem wie er sich zum Gegner positionieren möchte.

beinarbeit-fechtstellung Bei der Fechtstellung in Weiter bis Naher Mensur (Enge Mensur: siehe weiter unten) steht der vordere Fuß mit einem Abstand von ca. zwei Fußlängen im rechten Winkel vor dem hinteren Fuß. Das Körpergewicht sollte gleichmäßig auf beide Beine verteilt sein. Die Knie sind leicht gebeugt. Der vordere Fuß zeigt zum Gegner, während der hintere im rechten Winkel dazu steht.

Die Drehung der Schultern und des Beckens beträgt ca. 45° im Verhältnis zur Gefechtslinie, um dem Gegner möglichst wenig Trefferfläche zu bieten. Durch diese Neigung ruht auch das Schwert mit dem Gehilz leicht seitlich, währen der Ort auf den Gegner gerichtet ist.
Im Langschwertfechten findet die linksseitige, wie die rechtsseitige Grundstellung gleichermaßen Anwendung.

Im Freigefecht verharrt man jedoch nicht permanent ein einer Stellung sondern wechselt durch verschiedene Huten. Eine oft durchlaufene oder eingenommene Hut ist dabei die „Hut vom Tag auf der Schulter„.

Fechtstellung in Enger Mensur

beinarbeit-fechtstellungIn der Engen Mensur zeigt der vordere Fuß ebenfalls zum Gegner, während der hintere im 45°-Winkel dazu steht. Der Körper ist hier mehr dem Gegner zugewandt. Der Vorteil dieser Stellung ist eine höhere Seitenstabilität. Der Nachteil einer ungünstigeren Positionierung bei eigenen oder gegnerischen Stößen ist in der Engen Mensur zu vernachlässigen.
Standfläche: Bei Bedarf kann das Gewicht hauptsächlich auf den Fußballen ruhen. Dies lässt den Fechter flexibler agieren.

Vergleich der Fechtstellungen in Naher und Enger Mensur

 
Eigenschaft Linear
(Nahe Mensur)
Nicht Linear
(Enge Mensur)
Winkel des hinteren Fußes
zur Gefechtslinie
90° 45°
Präsentation der Trefffläche nach vorn minimal maximal
Stabilität frontal sehr gut gut
Stabilität zur Seite schlecht sehr gut
Geschwindigkeit vor/zurück hoch relativ niedrig

Außerhalb der Engen Mensur – solange sich des Klingen also berühren, aber noch kein Kontakt „Körper an Körper“ besteht – ist die Seitenstabilität von untergeordneter Bedeutung. Das europäische Fechten mit Klingen ab 100cm Länge ist distanzorientiert; das Arbeiten mit dem vorderen Teil der Klinge – vor allem mit dem Ort – steht im Fokus. Im Fechten mit Einhandschwert (Klingenlänge 80-90cm) & Buckler wird dies bereits andeutet und spätestens seit der Tradition Liechtenauers hat der Stoß (sowie dafür vorbereitende Aktionen) eine zentrale Bedeutung, was sich bis in die heutige Fechtkunst erhalten hat.

Durch die Klingenlänge ergibt sich in der Nahen Mensur ein Abstand zwischen der Bindung und dem eigenem Gehilz, welcher für die Kraftübertragung zur Seite recht ungeeignet ist (siehe Abb) und daher die nicht-linearen Kräfte von Seiten des Gegners einen kaum aus dem Gleichgewicht bringen. Ein ggf. zu hoher Klingendruck kann durch Verlagerung der eigenen Stärke an die gegnerische Schwäche schnell ausgeglichen, bzw. annulliert werden. Erst in der Engen Mensur muss eine höhere Seitenstabilität hergestellt werden, um bei hohem Druck des Gegners nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten und zugleich im Nahkampf flexibel agieren zu können.

Handhaltung

Das Langschwert wird in der Regel mit zwei Händen geführt, auch wenn Überlieferungen mit einhändiger Führung, sogar in Verbindung mit einem Schild vorliegen. Die waffenführende ist bei einem Rechtshänder die rechte und bei einem Linkshänder die linke Hand. Diese greift grundsätzlich nahe der Parierstange. Sie führt in der Regel das Schwert.
Die andere Hand unterstützt die Führung. Sie greift entweder nahe hinter der waffenführenden Hand oder direkt am Knauf. Zu Anfang, während des Erlernens der Grundtechniken ist es empfehlenswert, die zweite Hand möglichst nahe der ersten zu platzieren und nicht gleich am Knauf. So lernt man die Waffe aus dem Gehiltz heraus zu führen und nicht mit dem Knauf zu „rudern“

In den Quellen

Hs.3227a (‚Döbringer‘), 14. Jahrhundert
„Wisse, dass ein guter Fechter vor allen Dingen sein Schwert bestimmt und sicher führen soll und mit beiden Händen zwischen Gehiltz und Kloss fassen. So hält er das Schwert viel sicherer, als wenn er es beim Kloss fasst mit einer Hand. Auch schlägt er so viel härter und sicherer. Denn zöge der Fechter den Schlag mit dem Kloss, würde das nicht so vollkommen und stark sein.“

Haltungs-Varianten der vorderen Hand

Hammergriff:
Diese Haltung ist die typische Variante, welche am meisten Verwendung findet. Die linke (hintere) Hand kann zwecks höherer Kraftentfaltung direkt hinter der rechten Hand geführt werden oder zur Verbesserung der Kontrolle am Knauf.

Beachte:

  • Es sollte ein „Rudern“ vermieden werden! Ruht die linke Hand am Knauf, so ist ihre Aufgabe ausschließlich die Kontrolle der Waffe. Das Reißen am Knauf sollte i.d.R. vermieden werden!

für den Stoß optimiert:
In dieser Haltung werden Klingenbindungen angenommen, welche nahe der Parierstange entstehen. Beim Stoß und dessen Anbindungen kommt diese Variante oft ins Spiel. Der Damen kann dabei an oder hinter der Parierstange sein.


Daumenlage:
Hier ist das Gehilz exakt um 90° verdreht. Der Daumen ruht auf der Klinge oder leicht nach hinten versetzt auf der Parierstange. Diese für den Einsteiger recht ungewöhnliche Handhaltung ermöglicht das Einnehmen von Winkeln, welche mit den anderen Varianten nicht möglich sind. Zwerchhau, Krumphau und Schielhau werden z.B. in dieser Lage ausgeführt.

Ausgewählte Fragen und Antworten

Servus Christian, Zur Handhaltung habe ich eine Frage. Im Tutorial schreibt ihr, dass das Schwert nahe an der Parierstange gehalten wird – wie nahe? Möglichst ganz nahe dran? Ich habe fest gestellt, das ich dabei recht viel auf die Finger bekomme und greife deshalb lieber etwas weiter hinten. So das ich mit dem ausgestreckten Daumen die Parierstange noch berühre. (Daumengriff direkt am Kreuz nicht auf der Fläche) Achte ich nicht genug auf meine Deckung oder ist geht das als Anpassung an meinen Kampfstil durch?
Du hast mit Deinen Bedenken völlig Recht. Die Gefährdung der Hand in der Daumenlage ist ein oft diskutiertes Thema. Die Daumenlage ansich eröffnet neue wichtige Winkel und Führungsweisen und lässt sich aus dem Langschwertfechten nicht wegdenken. Dennoch kommen dem Fechter Zweifel, wenn er berücksichtigt, wie oft bei der Daumenlage die Hände gefährdet sind. Angesichts der Vielzahl von Techniken in Daumenlage, mag sich der übereifrige Trainierende einreden (lassen), er habe die Daumenlage oder die entsprechenden Techniken noch nicht verstanden. Doch muss man den Blickwinkel weniger auf die Technik, sondern mehr auf die Waffe richten: Früher war – wie in vielen Fechtbüchern zu sehen ist – die Fechtfeder stark in Gebrauch. Diese jedoch weist direkt vor der Parierstange eine Verbreiterung auf, welche die Eigenschaft hat, die gegnerische Klinge nicht direkt bis zur eigenen Parierstange durchzulassen. Beim Gebrauch eines Langschwerts fällt dieser Vorteil jedoch weg und die Klinge des Gegners kommt ungebremst bis zur Parierstange. Zwar kann man oftmals durch entsprechende Klingenwinkel das Gehilz so positionieren, dass eine Gefährdung der Hände etwas abnimmt, dennoch bleibt die Gefahr bestehen, da auch der Gegner nicht immer so haut, wie es sich der Übende „im Labor“ vorstellt. Um dem Rechnung zu tragen, sollte die Hand erst ca. zwei Finger breit hinter der Parierstange greifen, sobald die Daumenlage eingenommen wird. Somit wird der Nachteil des Langschwerts gegenüber der Fechtfeder wieder ausgeglichen.