Ratschläge des Fechtmeisters an seinen Schüler

„Wer fechten will, der soll haben ein Herz wie ein Löwe. Junger Ritter lerne, Gott zu lieben und die Frauen zu ehren. Trachte nach Redlichkeit und befleißige dich in Ritterschaft. Habe eines Mannes Mut, gegen jeden, der dir Unrecht tut. Willst Du bei Ehren bleiben, so sollst du die Wahrheit üben.  Stehe fest wie ein Bär und sei nicht wankelmütig.“

Die Fechttradition Liechtenauers gab eine recht klare Form der Fechtbücher vor: Man zitierte in der Regel die Merkverse und gab in Form von Glossen seine Erklärungen dazu.

Die Vorreden jedoch sind der Bereich, in welchem jeder Fechtmeister seine ganz persönlichen Ansichten zur Fechtkunst im Allgemeinen niederschreiben konnte, ohne sich gleich auf spezielle Techniken zu beziehen. Hier finden wir wichtige Hinweise auf Gefechtstaktiken, die empfohlene mentale Haltung und grundsätzliche Voraussetzungen für den Schüler.

Die Vor-Reden sind die Worte, welche der Meister an seinen Schüler richtete, bevor (und auch während) er ihn in der Kunst des Fechtens unterrichtete. Sie sind keine leeren Floskeln sondern geben uns heute einen Einblick in die Sichtweise des jeweiligen Fechtmeisters.

Darüber hinaus fordern diese Schriften auch moderne Fechtlehrer in der heutigen Zeit auf, ihren Unterricht regelmäßig auf Grundlage der Vorreden zu prüfen. Den Schüler/die Schülerin regen sie an, den eigenen Weg z.B. hinsichtlich der Frage zu reflektieren, ob man noch das richtige “Maß” hat in seinem Fechten.


 

Auszüge aus den Vorreden

Mentale Haltung

Ringeck, 15. Jh.

Junger Ritter, lerne, Gott zu lieben und die Frauen zu ehren, so vergrößert sich deine Ehre.

Hans Talhoffer, 15. Jh.

Sprich gut von den Frauen und sei tapfer, wie ein Mann es sein soll und hüte dich vor Lug und Trug. Trachte nach Redlichkeit und befleißige dich in Ritterschaft. Mit Freuden sollst du üben: Steinwerfen und Stangen drücken, Tanzen und Springen, Fechten und Ringen, Lanzenstechen und Turnierkampf und dazu schönen Frauen hofieren.

Ob im Schimpf oder Scherz – Fechten verlangt (D)ein Herz.

Junger Mann: Erschrickst du gern, kein Fechten lern. (…) Nun habe eines Mannes Mut, gegen jeden, der dir Unrecht tut. Willst Du bei Ehren bleiben, so sollst du die Wahrheit üben. Hüte dich vor den Bösen, die keine Treue halten können. Hast du dies verstanden, so geselle dich zu den Guten [Frommen]. Wenn man dir einen Rat geben will, so überdenke diesen gut. Dann kannst du erkennen, ob er dir nützt oder schadet.

Traue nicht jedermann. Steh fest wie ein Bär und gleite nicht hin und her
[sei aufrichtig und nicht wankelmütig].
Das merke dir und verwende deine ganze Kraft im rechten Maße.

Ringeck, 15. Jh.

… Zusammenfassen kann man sagen:

Alle Kunst hat Länge und Maß.

Hs. Best. 7020 (Stadtarchiv Köln)

wer fechten will der sall haben eyn hertz alsz eyn lewe vnd sall al so scharff seen alsz eyn valck vnd sall also behende syn alsz eyn vogel.
[ Wer fechten will, der soll haben ein Herz wie ein Löwe und soll so scharf sehen wie ein Falke und soll so geschickt sein, wie ein Vogel. ]

Hans Talhoffer, 15. Jh.

Wenn er nun gelert ist und in den schrancken sol gon: So sol er zu dem ersten bichten, dar nach sol im ain priester ain meß lesen von unßer frowen und von sant jörgen, und der priester sol im segnen.
[ Letzte Vorbereitung für den gerichtilichen Zweikampf: Die Beichte ablegen, die Messe hören und den Segen empfangen ]

Gottes diner will ich sîn, er hat behiet daz leben mîn.
[ Dankbarkeit für die Bewahrung in vergangenen Gefechten ]

Schrittlehre

Hs. 3227a („Döbringer“), 14. Jh.

Wisse, wenn einer mit einem ficht, so soll er seine Schritte wohl wahrnehmen und sicher darin sein – als ob er gleichmäßig auf einer Wage stehen würde und nach hinten oder nach vorne geht. So wie es angebracht ist; fliessend und behende, rasch und schnell, mit gutem Mut und gutem Wissen oder Vernunft. […] Auch sollst du Maß haben in deinem Gefecht, nach dem wie es sich verhält. Du sollst nicht zu weit schreiten, so dass du dich besser zu einem weiteren Schritt – nach hinten oder nach vorne – erholen kannst. Oft ist es angebracht, zwei kurze Schritte anstatt einem Langen zu machen, und oft auch, das einer ein Läufchen machen muss mit kurzen Schritten oder das er einen guten Schritt oder Sprung tun muss.

Danzig, 15. Jh.

Dies ist die erste Fähigkeit des langen Schwertes: Vor allen Dingen sollst du lernen, die Hiebe richtig zu schlagen. Weiterhin sollst du kraftvoll fechten. Das bedeutet: Wenn du mit dem linken Fuß vor stehst und von deiner rechten Seite schlägst, dem Hieb aber nicht mit einem Vorwärtsschritt deines rechten Fußes folgst, dann ist der Hieb falsch und nicht richtig (unwirksam). Denn bleibst du mit der rechten Seite zurück und der Hieb wird zu kurz, kann er nicht auf der korrekten Bahn zur anderen Seite geführt werden, so daß er nicht vor und über dem linken Fuß endet. Stehst du andererseits mit dem rechten Fuß vor, um von der linken Seite zu schlagen, und du folgst dann ebenfalls dem Hieb nicht mit dem linken Fuß, so ist auch dieser Hieb falsch.

Deshalb achte darauf, daß wenn du von der rechten Seite schlägst, du immer mit dem rechten Fuß dem Hieb nachfolgst. Mach das gleiche, wenn du von der linken Seite schlägst. So bleibt dein Körper dabei immer im Gleichgewicht, und die Hiebe werden lang und richtig geschlagen.

Schwertführung

Hs. 3227a („Döbringer“), 14. Jh.

Wisse, das ein guter Fechter vor allen Dingen sein Schwert bestimmt und sicher führen soll und mit beiden Händen zwischen Gehiltz und Kloss fassen. So hält er das Schwert viel sicherer, als wenn er es beim Kloss fasst mit einer Hand. Auch schlägt er so viel härter und sicherer. […] Denn zöge der Fechter den Schlag mit dem Kloss, würde das nicht so vollkommen und stark sein. […]

Als zweites merke dir und wisse, das kein Ding am Schwert umsonst erfunden und erdacht worden ist, sondern ein Fechter soll den Ort, beide Schneiden, das Gehiltz, den Kloss und alles das was am Schwert ist nützen, nach dem wie jedes dieser Teile sein besonderes Gesetz hat in der Kunst des Fechtens, je nachdem wie geübt der Fechter ist und was er findet.

Hans Talhoffer, 15. Jh.

Vier plöß wisse | Der hab acht so schlechtu gewisse
[ Vier Blößen wisse, diese hab acht, so schlägst Du gewisse(nhaft) ]

Taktik

Hs. 3227a („Döbringer“), 14. Jh.

Auch merke dir und wisse, mit dem was Liechtenauer spricht ‚willst du Kunst schauen, etc’ meint er, dass ein kunstvoller Fechter den linken Fuss vorsetzen soll und von der rechte Seite den Mann direkt mit Hieben bedrohen soll, so lang bis er sieht wo er den anderen gut haben und erreichen kann mit seinen Schritten. Er meint, das wenn einer stark Fechten will, so soll er (…) fechten, mit der ganzen Kraft des Körpers, zu Kopf, zu Leibe, wo er den Gegner nur treffen kann und nicht zum Schwert, sondern er soll so tun, wie als ob der andere kein Schwert hat oder aber, wie als ob er es überhaupt nicht sieht.

Wenn du als Rechtshänder im Zufechten zum Gegner kommst und glaubst, ihn treffen zu können, so hau den ersten Hieb nicht von der linken Seite. Denn da bist du schwach und kannst nicht dagegen halten, wenn er dir stark darauf bindet. Darum hau von der rechten Seite: dann kannst du stark am Schwert arbeiten und alle Techniken einsetzen, die du willst.

Einer soll lieber immer zu den oberen Blössen streben, als zu den unteren, und den anderen mutig und rasch über dem Gehiltz angreifen mit Hieben oder Stichen. Denn einer erreicht den anderen viel besser über dem Gehiltz, als darunter, und einer ist auch viel sicherer in allem Fechten. Auch ist der obere Treffer viel besser als der untere. Es wäre denn, das es so käme das einer es näher hätte zu den unteren Blösse, wie das oft vorkommt, so das er zu diesen gehen müsste.

Auch wisse, wenn einer sich aufmacht im Gefecht, der nehme sich ein fertiges Stück vor, welches er will, das vollständig und passend ist und nehme sich das ernst und standhaft in seinen Sinn und sein Gemüt auf. Wenn er beginnt, so soll er sich sagen „Das werde ich jetzt tun“. So mag es ihm mit der Hilfe Gottes nicht misslingen. Er tut was er soll, wenn er mutig auf den Gegner zugeht und dahin rauscht mit dem Vorschlag.

Ringeck, 15. Jh.

Schlag zu und greif an, stürm heran, triff oder laß geschehen.

Hans Talhoffer, 15. Jh.

nit slach ungefar | lug eben wie er gebar
[ Schlage nicht ungefähr, schau wie er sich gebärt ]
blyb stan und besicht den man
[ Bleibe stehen und beobachte den Mann ]

Aus den Merkversen (nach Hs. 3227a)

Zu allem Fechten, gehört die Hilfe Gottes von Rechten.
Ein gerader und gesunder Leib, ein ganz fertiges Schwert besonders.
Vor, Nach, Schwäche, Stärke – Indes, das Wort ist damit zu merken.
Hiebe, Stiche, Schnitte, Drücken – Leger, Schützen, Stösse, Fühlen, Zücken. Winden und Hängen – Rücken, Striche, Sprünge, Greifen und Ringen.
Weisheit und Kühnheit – Vorsichtigkeit, List und Klugheit.
Mass, Verborgenheit – Vernunft, Vorbetrachtung, Fertigkeit.
Übung und guter Mut – Motus, Gelenkigkeit, schreite gut.

Trainingsmethoden und Verhalten im Training

Hs. 3227a („Döbringer“), 14. Jh.

Darum tu auf deine Sinne und betrachte es ordentlich. Je mehr du dich darin im Spiel übst, desto mehr denkst du daran im Ernst. Denn Übung ist besser als Kunst, deine Übung taugt wohl ohne Kunst, aber Kunst taugt nicht wohl ohne Übung.

Hans Talhoffer, 15. Jh.

Achte darauf, dem Fechten treu zu sein, denn der Brauch [des Fechtens] ist nicht neu.

Hie merck uff den maister: Der maister der ain understat zu leren, der sol wißen daß er den man wol erken, den er lerren wil, ob er sie schwach oder starck, und ob er gäch zornig sy oder senftmüttig, och ob er gütten auttem hab oder nit.
[ Ratschläge für den Fechtmeister, seinen Unterricht an die Fähigkeiten und Eigenschaften des Schülers anzupassen ]

Dar nach sol der maister in ernstlich versüchen und inn under richten dar uff er bliben sol, und sol in uff kein ding haissen acht hon dann uff sin vind, und den ernstlich an schowen.
[ Der Fechtmeister soll vor den Kampf seinen Schüler nochmal „ernstlich versuchen“ und seinen Kämpfer eingängig ermahnen, bei der gelernten Technik zu bleiben. ]

Christoff Rösener, 16. Jh.

Schempt euch nicht zu lernn / sondern thut stetts übung begern
[ Schäme Dich nicht, zu lernen / sondern tue stets Übung begehren – richtet sich an Schüler und Lehrer ]

Nempt keinem aus der Hand sein Wehr / Bit erst vorlöbnis vom Meister. Halt stets die Wehr / laß keine fallen / Falt auch selbst nicht / seid beacht in alln. Auch mit ungestüm kein Wehr zerschlagen / mit sitten ewr arbeit vortragt. Solt auch durch aus keins anderen spotten / In der Übung / es ist verboten. Auch solt ihr keinen blutig schlan / Der erst zu fechten fehet an. Wann auch nun frembde Schüler kemn / Das ihr keinen verspotten wollt / Vmb ein par streich ihr Fechten sollt. Oder vmb einer schönen Crantz / Macht euch nur her an diesen Tanz / Oder nach Erkenntnis der Massn / Vom Meister und Schulr euch straffen lassen
[ Respektvoller Umgang mit der Waffe, der eigenen Kunst und dem Partner. Ein Miteinander, kein Gegeneinander; gegenseitige Achtung in der Fechtschule des 16. Jahrhunderts ]

Überlieferung & Bedeutung

Hs. 3227a („Döbringer“), 14. Jh.

Merke dir und wisse, das man nicht wirklich bedeutungsvoll von dem Fechten reden, es schreiben oder auslegen kann, als wie man es mit der Hand zeigen und zu weisen vermag.

Danzig, 15. Jh.

Die Schriften wurden von Johannes Liechtenauer verfaßt und erstellt, der ein großer Meister dieser Kunst gewesen ist und dem Gott gnädig sei. Weil die Kunst den Fürsten und Herren, den Rittern und gemeinen Soldaten gehört, und damit diese Kunst von jenen erlernt und beherrscht, zugleich aber nicht von jedermann vernommen und verstanden werden soll, hat er, Liechtenauer, dieselbe mit verborgenen und verschlüsselten Worten aufschreiben lassen. Dies ist wegen der leichtfertigen Fechtmeister geschehen, die ihre Kunst geringschätzen, damit seine, Liechtenauers, Kunst von eben diesen Meistern nicht öffentlich und allgemein zugänglich gemacht werden soll.

Diese verborgenen und verschlüsselten Worte der Schriften werden in den folgenden Kommentaren erklärt und erläutert, damit sie jedermann, der bereits fechten kann, gut zu verstehen und begreifen vermag.

Jacob Sutor, 17. Jh.

[Es sey] unverborgen, das die löblich Adeliche und Ritterliche Kunst des Fechtens ein uralte Kunst ist, auch allen und jeden Personen, weß Stands die seyen, sehr nutzlich und dienlich, so woll zu Erhaltung deroselben bestendiger Gesundheit, als auch zur Defension des Leibes und Lebens, derer sich Dapffere und Mannhafte Kriegshelden, zu allen und jeden Zeiten insonderheit befliessen, (…) auch ewig Lob und Ruhm dardurch erlanget haben, wie solches fürnemlich am allermeisnten auß der uralten Römer Historien Schreibern zu ersehen. Es wirdt auch dieser ritterlichen Kunst deß Fechtens in heiliger Göttlicher Schriften ganz ehrlichen und wol gedacht, insonderheit deß newen Testaments, da der heilige, als sonst ein hocherleuchter und außerwehlter Rüstzeug Gottes, Apostel Paulus in der ersten Epistel an die Corinther am sechsten Capitel, einen Christlichen Ritter und Streiter auff die Vortheil sehen heisset, so da ein Rittermässiger Kämpffer und Streitter in gute Achtung zu nehmen pfleget.

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Zitate und Weisheiten europäischer Fechtmeister (14. – 17. Jh.)
ausgewählt und in Form gebracht von
Christian Bott, Arne Schneider und Michael Schüle
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Kuppinger Verlag

Diese SchwertRing-Publikation ist eine Sammlung von Zitaten und Weisheiten europäischer Fechtmeister des 14.-17. Jahrhunderts, welche heute beim Fechten ebenso wie im Leben Anwendung finden können. Das Buch gibt Einblicke in die bislang weitgehend unbeachtete Lebensphilosophie des Mittelalters, welche die Fechtkunst dieser Zeit mit prägte. Mit einem Vorwort von Mike Bunke, Präsident der ADFD (Akademie der Fechtkunst Deutschlands).

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